Che Guevara

1975 laufe ich mit meinen „Che Guevara T-Shirt“ herum. Zum Leidwesen meiner Eltern und Lehrer bin ich als fünfzehnjähriger Rebell gegen jeden und alles. Wer war Che Guevara? Ich hatte keine Ahnung …

45 Jahre später stehe ich vor einem gewaltigen Bergmassiv an deren Fuß ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Che Guevara“ prangt. Dieses mal weiß ich genau, worauf ich mich einlasse:

1.400 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Die Route ist als Klettersteig fast ohne Unterbrechung mit leichten und mittleren Kletterstellen angelegt, nach Südosten am kahlen Fels ausgerichtet und ist nach dem Weggefährten Fidel Castros „Che Guevara“ benannt. Es ist der wohl längste Klettersteig im Trentino. Nach fünf langen Stunden im Aufstieg warten auf den Herausforderer noch drei Stunden Abstieg auf steilen Waldwegen. Dieser Berg hat nichts zu verschenken. Alles muss erobert werden. Geschichten über diesen Weg auf den Monte Casale gibt es viele: Bergsteiger, die fast verdurstet sind, weil sie die Länge der Tour unterschätzt und ihre eigene Kondition überschätzt haben. Oder Stahlseile, die von der Sonneneinstrahlung so heiß werden, dass man sich die Hände daran verbrennt. Nun denn, wir sind bereit, die Herausforderungen anzunehmen.

Es ist 09:30 Uhr, die Sonne scheint, wir haben neun Grad und wir haben uns auf diese Tour seit Wochen vorbereitet. Die Bedingungen sind also gut. Und nun stehen vor einem riesigen Steinbruch und suchen den Zustieg. Am Rande des Steinbruchs strebt ein kleiner Pfad dem Berg entgegen. Wir laufen am Abfallwirtschaftshof der Region vorbei und es riecht nach Verwesung. Was für ein Start! Wenig später stehen wir am Anseilplatz und schauen den Berg hoch. Die Route ist nicht erkennbar. Der „Che Guevara“ gibt seine Geheimnisse nicht preis. Aber der Fels sieht griffig aus. Offenbar wird der Steig nur wenig begangen. Tatsächlich treffen wir an diesem Tag nur viere weitere Bergsteiger.

Nach fünf Stunden Kraxelei erreichen wir den Ausstieg auf einer Bergwiese. Hinter uns liegen schöne aber zum Teil recht lange und teilweise anstrengende Kletterpassagen. Der Weg war lang und Kraft zehrend. Die schwierigsten Kletterstellen kamen erst am Ende der Route. Verdurstet sind wir nicht und haben uns auch nicht die Hände an den Drahtseilen verbrannt. Der Rücken ist komplett nassgeschwitzt und die Beine sind etwas lahm. Aber wir sind froh, oben angekommen zu sein.

Das Refugium am Weg ist wegen der COVID-19-Pandemie geschlossen. Der Wasserhahn außen am Haus sieht aus, als sei er schon mehrere Monate nicht mehr benutzt worden. Also muss der restliche Getränkevorrat für den Rückweg rationiert werden. Plötzlich ziehen Wolken auf und der Wind frischt spürbar auf. Es wird kalt. Um uns herum herrscht schlagartig eine Atmosphäre wie im November. Die Pause fällt darum sehr kurz aus. Nach dem Umziehen und ein paar Powerriegel brechen wir sofort zum Abstieg auf.

Wir wandern Stunde um Stunde im fahlen Zwielicht durch den Wald. Der Bergpfad ist sehr steil und feucht. Das Geröll kommt wiederholt ins Rutschen. Die Benutzung von Wanderstöcken ist nicht mehr zu vermeiden. Allmählich wird es dunkel und der Abstieg zieht sich hin. Unsere Kräfte lassen langsam nach. Zu unserem Erstaunen führt der Wanderweg an einer unübersichtlichen Stelle quer über eine vielbefahrene Bergstraße. Lediglich die Wegmarkierungen an der Leitplanke weisen darauf hin. Zu guter Letzt führt der Rückweg auf die Fahrbahn der „Strada Statale 45“. Dieser folgen wir im abendlichen Feierabendverkehr ca. zwei Kilometer. Es war der gefährlichste Abschnitt unseres Ausflugs.

Dann ist es vollbracht. Wir stehen müde und auch etwas stolz wieder am Anfang unserer Tour und schauen im letzten Abendlicht auf den Berg. Der „Che Guevara“ ist wieder nicht zu erkennen. Wie ein Guerillakämpfer hat er sich am Berg versteckt und wartet auf seine nächsten Herausforderer. Wir beide sind uns sicher, dass wir diese Provokation bei anderer Gelegenheit gerne wieder annehmen werden.

Fotos: Gerhild und Kai
Text: Kai