100 km Dodentocht

Holger Heitmann

Die „100 KM Dodentocht“ am 11. August 2017

„100 km, da nehme ich doch wohl lieber das Auto?!“ Das war die Antwort eines Freundes als er von meinem Plan erfuhr, so eine weite Strecke zu Fuß zu gehen. Aber nun von Anfang an: Bei einer Frühjahreswanderung des DAV Flensburg kam ich mit unseren Neumitgliedern Jannette und Reinhard Büscher ins Gespräch. Sie waren vor kurzem aus Belgien in die Nähe von Flensburg gezogen. Zwei Mal hätten sie die Veranstaltung „100 km in 24 Stunden wandern“ (ohne Wettkampfcharakter) in Bornem (Belgien) schon mitgemacht und sie waren begeistert davon. Beim ersten Mal „einfach mal so“, beim zweiten mit mehreren 20-30 km-Märschen in der Vorbereitung.

Mich hatte die Begeisterung gepackt und ich ging elektrisiert schlafen. Nachts kamen die Bedenken: 100 km – kannst du das wirklich schaffen? Ok, die 45 km bei unseren DAV-12-Stunden-Wanderungen waren kein Problem für mich gewesen, aber mehr als das Doppelte? Ist das nicht zu viel für die Füße – kann ich das wirklich durchhalten? Viele Fragen schwirrten mir im Kopf herum – schlaflos. Aber die Lust auf ein außergewöhnliches Abenteuer wischte die Bedenken weg. Ich holte mir eine Startnummer und damit war es be­schlossene Sache: Ich mach mit!

Zur Geschichte der 24-Stunden Wanderung: 1969 wurde der Wanderverein „Kadee“ in Bornem gegründet. Seine Mitglieder nahmen 1969 und 1970 an der Nimwegener Viertageswanderung (4 x 50 km) teil. Anschließend wollten sie auch eine lange Wanderung organisieren. Am 14. August 1970 zogen 65 Wanderer zum ersten Mal los, um 100 km zu bezwingen. Schnell wurde „Dodentocht“ (Totenmarsch) ein Markenzeichen für Extremwanderer, 1987 sogar zu Europas größter 100-km-Wanderung. Es ist eine sehr gut orga­ni­sierte, von der gesamten Region getragene Veranstaltung. Hunderte von Helfern engagieren sich, ob beim Aufbau, in der Betreuung der Verpfle­gungsstellen, bei der Streckenbetreuung usw. An jeder noch so kleinen und eindeutig markierten Abbiegung stehen unterwegs immer ein bis drei Betreuer und achten darauf, dass man sich nicht verlaufen kann. An jeder Straßen­überquerung halten Polizisten den Verkehr auf, damit die Teilnehmer nicht anhalten müssen. Man fühlt sich durchgängig sehr gut aufgehoben!

In diesem Jahr, als der Startschuss zum 48. Mal fiel, waren 14.955 Starter gemeldet, ca. 13.800 überschritten die Startlinie und ungefähr 8.500 erreichten das Ziel. Am Freitag, dem 11. August 2017, stand auch ich um 21 Uhr am Startpunkt. Die vielen tausend Teilnehmer und Teilnehmerinnen quollen durch die Straßen des kleinen Städtchens Bornem und wurden von tausenden Schaulustigen an der Strecke beklatscht, angefeuert und mit Jubel auf der Strecke begleitet. Ich genoss die Szene und dachte wie es wohl außerhalb des Ortes werden würde. Die Strecke führte durch viele kleine Dörfer und überall saßen Menschen an der Straße z. T. unter Zelten oder in ihren geöff­neten Garagen und feierten, applaudierten, begrüßten die Wanderer mit Schil­dern auf denen u. a. stand: “Free Caffee“, „Free Water“, „Homemade Banana­cake, please!“, „Belgian Waffle for you!”, aber auch kurz nach dem Start: “Only 99,3 km to go!“.  Die Beteiligung der Bevölkerung hielt die ganze Nacht über an. Bis ca. 5:30 Uhr saßen die Menschen vor ihren Häusern und ab ca. 6:30 Uhr waren die ersten schon wieder dabei. Bands spielten auf Plätzen, auf denen Jung und Alt feierten, in und vor Kneipen wurde getanzt und gejubelt, Gettoblaster erfüllten die Luft mit ihrem Sound vor den Häusern und Kinder musizierten am Straßenrand für die Wanderer.

Die ersten Kilometer waren in den engen Gassen sehr „drängelig“ und man musste aufpassen, niemandem in die Quere zu kommen. Doch nach etwa einer Stunde hatte sich das Feld sortiert und man konnte seinen eigenen Schritt finden oder sich an gleichschnellen Wanderern orientieren. Nach ca. 18 km gab es die erste Verpflegungsstelle und es wurden Bananen, Energie­drinks, Wasser, Waffeln, Suppe, Cola, Brötchen, Kekse, Schokolade und kleine Kuchen, mit viel Zucker zubereitet, gereicht, damit man wieder mit Energie versorgt wurde. Ab hier verringerte sich der Abstand von einer Ver­pflegungsstation zur jeweils nächsten, sodass man immer wieder ein neues Ziel vor Augen hatte. Je mehr die Kräfte schwanden, desto mehr ersehnte man die nächste Verpflegungsstelle. Morgens, nach 53 km, war eine große Halle für die Pause vorbereitet. Humpelnde, von Krämpfen gequälte, von Blasen gepeinigte oder völlig erschöpfte Teilnehmer trafen hier aufeinander. Einige legten sich auf den Boden, stellten ihre Beine hoch an die Wand, was kurzzeitig für Erleichterung sorgte, aber das Aufstehen unter großen Anstren­gungen und Schmerzen erschwerte. Andere behandelten die Blasen oder rieben sich die Füße mit Salben und Pudern ein. Einige schliefen vor Er­schöpfung am Tisch einfach ein.

Ich bemühte mich, etwas zu essen und zu trinken und die Pause nicht zu lang werden zu lassen, da ich weiß, dass der Neustart dann sehr schwer fällt. Nun kam auch noch einsetzender Regen und stärker werdender Wind dazu. Ich zog meine Regenjacke aus dem Rucksack, und nach ca. 2 km war ich wieder im gewohnten Tritt. Die Schmerzen an den Füßen, in den Oberschenkeln und in der Hüfte waren dann doch so stark, dass ich eine Schmerztablette ein­nahm. Aber die Krämpfe wurde nicht weniger und so schaute ich mir den Trick einer Gruppe von mitwandernden Soldaten ab. Nach einigen Kilometern des Gehens wechselten diese für einige hundert Meter in ein schlurfendes „Joggen“. Das beansprucht die Muskulatur an anderen Stellen und die Ver­krampfung lockert sich in den Beinen und um die steifer werdende Hüfte. Das tat mir so gut, dass ich anschließend wieder in meinen gewohnten Schritt­rhythmus zurückkehren konnte.

Manche „Wiederholungstäter“ beim Dodentocht tragen kleine Musikabspiel­geräte in ihrem Rucksack. Einer hatte eine sehr abwechslungsreiche Song­auswahl dabei, und da wir ungefähr gleich schnell unterwegs waren, hielt ich mich in seiner Nähe auf und wir kamen ins Gespräch. Er war schon zum 11. Mal dabei und sagte, sein Schritt, den er liefe, würde ihn so gegen 16 Uhr ins Ziel bringen, das sei immer so gewesen. Ich fand das ein erstrebenswertes Ziel und schloss mich ihm an. Aber nach der nächsten Verpflegungsstelle hatten wir uns aus den Augen verloren und ich musste meinen eigenen Rhythmus wiederfinden.

Die Anstrengung und die Schmerzen an verschiedensten Stellen des Körpers nahmen weiter zu, und es forderte all meine Konzentration und Willenskraft mir immer wieder zu sagen: „Der Geist ist stärker als der Körper! Auch auf den von dir bestiegenen 5000ern und 6000ern hast du durchgehalten! Du gibst nicht auf! Du willst es schaffen! Du schaffst es!“ Dann war ich an der letzten Verpflegungsstelle und das Schild am Ausgang verhieß: “Noch 5,8 km bis zum Ziel!“ Aus den Augenwinkeln sah ich völlig entkräftete Wanderer, die mit ihren Krämpfen und Schmerzen kämpften und tatsächlich an dieser Stelle noch aussteigen mussten, weil es einfach nicht mehr ging. Ich schaute gera­de­aus und ging weiter! Ich schätzte, es würde noch knapp 2 Stunden dauern und dann wäre die Tortur zu Ende. Eine Stunde später nur, nach 16 Stunden und 39 Minuten, erreichte ich völlig ausgepowert das Ziel. Sofort nach dem Zieleinlauf wurde meine Zeit gescannt und mir der „Dodentocht-Orden“, das obligatorische Bier und ein Honigkuchen überreicht.  Ein „Diploma“ wurde aus­gedruckt und ich starrte auf meine Gesamtzeit und die Durchschnitts­geschwindigkeit über die 100 km: 6 km pro Stunde!

Die nördlichste Sektion Deutschlands: Kaum Berge, dafür mehr Meer.