Südtiroler Weinstraße

Kai Vermehren:

Links und rechts der Südtiroler Weinstraße

Die Südtiroler Weinstraße ist eine der ältesten Weinstraßen Italiens. Sie beginnt in Nals und zieht sich durch das Etschtal über Bozen bis nach Salurn. Eingerahmt wird die Strecke auf der Westseite vom Mendelkamm mit seinen steilen Abbrüchen zum Etschtal und auf der Ostseite von den Ausläufern der Sarntaler Alpen und den Fleimstaler Alpen.

Die teilweise über 2.000 Meter hohen Berggipfel, das fast schon garantiert schöne Wetter in diesem Teil der Alpen und die Möglichkeit, mittelschwere Klettersteige zu gehen, ließen uns neugierig werden, und so verbrachten wir im Sommer diesen Jahres dort ein paar Urlaubstage.

Wir trafen uns mit Miriam und Ben im Zentrum dieses Gebietes am Kalterer See in Sankt Josef und schlugen bei bestem Sommerwetter dort unser Lager auf. Von dort erkundeten wir gemeinsam die Gegend. Über ein paar ausgewählte Wanderungen möchte ich hier berichten:

Nach ein paar Wanderungen am Mendelkamm zum Eingewöhnen hatten wir uns den Klettersteig „Rio Secco“ vorgenommen. Der Steig dicht liegt oberhalb der Straße von Cardino im Etschtal am Rande der Fleimstaler Alpen und verläuft rechts und links in einer Schlucht. Während es an diesem Tag im Etschtal bei strahlendem Sonnenschein über 30 Grad warm wurde, hatten wir es schattig und angenehm kühl. Die 450 Höhenmeter waren mit vielen abwechslungsreichen Kletterstellen bis zur Schwierigkeit „C“ versehen, die uns einiges an Kondition abforderten und teilweise eine größere Portion Armkraft benötigten. Höhepunkte in der Schlucht sind eine große Grotte und eine umfangreiche Steinmännchensiedlung. Der Steig bietet schöne Aussichten über das Etschtal und in Richtung Mezzocorona. An diesem Tage blieben wir, trotz der guten Verkehrsanbindung, die einzigen Wanderer dort, so dass wir am Ende des Steigs bei einer ausgiebigen Pause in Ruhe unsere Eindrücke Revue passieren ließen.

Als nächstes hatten wir uns die Roenspitze (2.116 m) vorgenommen. Der Anfahrt zu unserem Startplatz führte uns über den Mendelpass bis in die Nähe von Amblar. Dort starteten wird in Richtung Malga di Romeno. Weiter ging es vorbei an der Überetscher Hütte und wir  erreichten bald darauf den Einstieg zum Klettersteig. Dieser hat ein südost Exposition. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und entsprechend warm war der Aufstieg (insgesamt 930 hm) zum Gipfel. Zum Glück besteht der Steig nur aus leichten, versicherten Kletterstellen (A und B), so dass wir zwar verschwitzt aber nicht ausgelaugt den Gipfel erreichten. Der Abstieg führte uns auf der Westseite durch einen schönen Kiefernwald. An der Malga di Romeno belohnten wir uns dann mit einem kühlen Radler und einem leckeren Kaiserschmarrn. An den Hütten war es zwar voll aber sonst war wenig los auf unseren Wegen, so dass wir überwiegend allein unterwegs waren.

Abends gab es dann ein überraschend auftretendes Gewitter. Innerhalb weniger Minuten hatte sich am Mendelkamm eine Gewitterzelle gebildet. Der dazugehörige Niederschlag kam zunächst in einer 20 minütigen Hagelschauer nieder bevor er in Regen überging. Wir hatten zum Glück keine Schäden zu beklagen, denn unser Auto stand unter einer Platane, die das meiste abgehalten hat. Aber die bis zu walnussgroßen Hagelkörner hinterließen in den umliegenden Weinbergen eine Spur der Verwüstung. Im Radio kam die Nachricht, dass im Bereich Kaltern die Weinernte durch den Hagelschlag für dieses Jahr so gut wie vollständig vernichtet worden sei.

Wir hatten uns aus einem Wanderführer eine Tour zum (Aldeiner) Weißhorn in den Fleimstaler Alpen ausgesucht. Wir starteten in Radein zu einem langen Aufstieg durch einen lichten Tannenwald der später von Latschenkiefern abgelöst wurde. Der Weg führte entlang der Blätterbachschlucht. Über diese Schlucht hinweg hatten wir eine schöne Aussicht bis zur Ortlergruppe, den Ötztaler Alpen und dem Rosengarten. Es war eine ruhige Wanderung mit wenigen Mitwanderern. Je höher wir jedoch dem 2.317 m hohen Gipfel kamen, desto mehr andere Menschen waren um uns herum. Auf dem Gipfel, die mit einfachster Kletterei quasi für jedermann erreichbar ist, herrschte dann schon fast Jahrmarktstimmung. So ein Trubel war dort oben. Die Anstrengung des langen Anstiegs mit über 780 Höhenmetern wurde trotzdem belohnt, denn auf dem Gipfel hat man einen grandiosen Rundumblick auf die restliche Alpenwelt.

Auf dem Abstieg zur Gurndin Alm sahen wir dann, dass das Berghotel Jochgrimm nur einen Katzensprung vom Weißhorn entfernt liegt. Dort auf dem Parkplatz standen viele Reisebusse. Das war dann auch die Erklärung dafür, warum es am Gipfel von Menschen nur so wimmelte. Wir beschlossen, zu dieser Entwicklung nicht weiter beitragen zu wollen, wanderten auf wenig begangenen Pfaden zurück nach Radein und werden das Weißhorn künftig wohl meiden.

Der Höhepunkt unseres Aufenthaltes war der Ausflug zum Tovelsee (Lago di Tovel). Dieser liegt im Naturpark Brenta Adomello auf einer Höhe von ca. 1.170 m. In dem Gebiet sind vor ein paar Jahren Braunbären ausgewildert worden. Mittlerweile soll in dem Tal die Population auf über 50 Bären angewachsen sein. Gemäß den Hinweisen von der Parkverwaltung ist es nicht erforderlich, laut singend und den Hut schwenkend durch den Wald zu gehen. Die Braunbären würden uns auch bei einem normalen Wanderbverhalten wahrnehmen und das Weite suchen.

Der See ist nur durch eine lange Anfahrt mit dem Auto zu erreichen. Der Zugang ist kostenpflichtig und die Parkmöglichkeiten am See sind recht beschränkt. Trotz allem handelt es sich um ein beliebtes Ausflugsziel mit mehreren Einkehrmöglichkeiten am See. Da die meisten Besucher dort nur eine kleine Runde um den See drehen, ist man sehr schnell allein in den Wäldern unterwegs, wenn man den Bergen entgegenstrebt.

Wir wanderten – wegen der Braunbären mit etwas mulmigem Gefühl – vom See in Richtung Nordwesten zur Malga Tuena. Auf den Wiesen vor der Alm grasten friedlich Kühe und Esel. Sie hatten offenbar keine Angst vor den Bären. Dort genossen wir auf der Terrasse bei einem erfrischenden Getränk die kolossale Aussicht auf die umliegenden Berge. Oberhalb der Alm umrundeten wir den See in westliche Richtung. Dort haben wir nur noch zwei weitere Wanderer getroffen. Die Wege sind auch nicht mehr durchgehend gekennzeichnet und es waren auch nicht überall Trittspuren erkennbar, so dass die Landkarte gelegentlich zur Orientierung zu Rate gezogen werden musste. Ja ihr habt richtig gelesen: Landkarte und das in volldigitalen Zeiten. Der externe Speichchip unserer digitalen Orientierungshilfe hatte sein Leben ausgehaucht und damit waren auch alle digitalen Landkarten verschwunden. Das „analoge Navi“ und der Höhenmesser taten jedoch in gewohnt zuverlässiger Weise ihren Dienst.

Es setzte leichter Regen ein. Dadurch wurde das Überqueren von den zum Teil doch sehr steilen Almwiesen erheblich erschwert. Das Gras war lang und nass. Es wirkte daher genauso glatt wie eine Eis- oder Schneefläche. Wir mussten langsam und vorsichtig gehen. Die Tour zog sich dadurch etwas in die Länge. Aber am Abend waren wir wieder am See und konnten bei einem leckeren Eis unsere Sachen in der Sonne trocknen. Ach ja – Braunbären oder Spuren von ihnen haben wir keine gesehen.

Na, konnte ich das Interesse für diesen Teil der Alpen etwas wecken?

Die nördlichste Sektion Deutschlands: Kaum Berge, dafür mehr Meer.